Aktfotografische Hintergründe
Kleine Plauderei zu Randbeobachtungen beim Fotografieren:
Warum geht eine Frau als Kundin oder Modell zum (Foto-)Künstler? Klar, sie möchte Bilder von sich, für wen und wozu auch immer. Und gemessen an der Menge an (bilderlosem!) Informationsmaterial zu Fotografiermöglichkeiten, das ständig aus meiner Galerie mitgenommen wird, müssten Aktfotografen einen immensen Zulauf haben. Haben sie aber nicht! Dieses Phänomen interessiert mich.
Je länger und intensiver ich mit Aktfotografie befasst bin, um so mehr kristallisieren sich für mich bestimmte Erfahrungen und Erkenntnisse heraus.
Beeindruckendste Erfahrung ist die: jede Frau ist auf irgendeine Weise schön, völlig unabhängig von Typ, Figur und Alter.
Die regelmäßig beobachtete Wandlung der Frauen von anfänglicher Scheu zu völlig natürlichem, unverkrampftem Mitgehen bei unterschiedlichsten Posen schon nach wenigen Kameraeinstellungen, war für mich der letzte Anstoß zu dieser Plauderei.
Die Fragen: wann, wo und warum zeigt sich eine Frau vor anderen nackt, sind schnell geklärt. Lassen wir mal FKK, Sauna, Arzt und Partner außen vor, bleiben letztlich nur Künstler, also Maler, Grafiker, Bildhauer oder eben Fotografen und Fotokünstler, denen sich Frauen gelegentlich hüllenlos zeigen. Warum hauptsächlich Frauen, viel weniger Männer, Lust auf das Bild vom eigenen Körper empfinden, mag entwicklungsgeschichtlich bedingt sein.
Die Ur-Menschen lebten, zumindest in tropischen Gebieten nackt. Nackt zu leben, war also normal (ist es vereinzelt heute noch). Der Genitalbereich beim Weib von Haar bedeckt: die Natur hat - ganz im Gegensatz zum Mann - das weibliche Fortpflanzungsorgan verborgen. Warum wohl? Jedes Geheimnis reizt, lockt. Mit diesem kleinen Trick (u.a.) hat die Evolution (oder der "liebe Gott"?) über Jahrtausende den Fortbestand der Menschheit gesichert. Bei allen einigermaßen erforschten Naturvölkern gibt es zudem hoch erotische Rituale, Tänze, in denen Frauen wie Männer ihren natürlichsten Impulsen folgen, zu denen auch das "Zur-Schau-Stellen" genitaler Zonen gehört.
Heute hat die Kleidung die Funktion der Schambedeckung übernommen. Der Mann allerdings war ursprünglich dem Blick der Frau gnadenlos ausgeliefert, ihm blieb im normalen Alltag der ungehinderte Anblick des weiblichen Genitalbereiches dagegen verwehrt. Sie ist sich dessen durchaus bewusst und hat Spaß am Spiel mit ihren Reizen - heute wie damals.
Stellt man die eigentliche genetische Prägung (die ja die ständige Regeneration der Menschheit garantieren muss) der heutigen Realität gegenüber, ist kein anderer Schluss möglich, als dass sich das "zivilisierte" Verhalten, geprägt durch unterschiedlichste Religionen, meilenweit von den eigentlichen menschlichen Anlagen entfernt hat.
Zurück - was hat das alles mit Aktfotografie zu tun?
Es zeichnet sich ab: viele Frauen haben zwar den Impuls, sich - unterschiedlich motiviert - fotografieren/malen zu lassen, und die Gruppe derer, bei denen dieser "Ausnahme-Schritt" zurück zu größter Natürlichkeit auf nahezu unüberwindbare Barrieren trifft, nimmt ab. Trotzdem lassen sich gegenwärtig sicher noch immer weniger als 1 % der Frauen
ab-bilden. Allerdings, die erkennbar wachsende Zahl der Frauen, die in bewundernswerter Natürlichkeit ihren inneren Impulsen folgen, zivilisatorische Schamgrenzen einfach mal negieren und sich einem ihnen meist zunächst unbekannten (Foto-)Künstler hüllenlos zeigen, werfen dann beim Fotografieren sehr schnell ihre Vorbehalte über Bord. Sie fangen an, kreativ mitzugestalten, um Bilder zu erlangen, die ihnen selbst und vielleicht dem Partner ein bleibender Beweis für diesen mutigen Schritt heraus aus der zivilisatorischen Verbiegung natürlicher Impulse sind.
Unabhängig von der eigenen Motivation genießen Frauen diese ungewöhnliche Situation, das Fotografiert-Werden, auf eigentümlich überraschende, vielleicht "ur-tümliche" Weise. Sich so zu geben, so zu zeigen, wie es ein "Urimpuls" in ihr signalisiert, empfindet Frau gelegentlich sogar als "befreiend". Und sie ist von Anfang an ungeheuer gespannt auf das Ergebnis: sich mit den Augen des Anderen, des "Bildners" zu sehen. Der Entstehungsprozess der Bilder, diese Selbsterprobung wird meist als "Erlebnis" empfunden. Meist sagen mir Frauen bereits während des Shootings, spätestens danach, es hätte "Spaß gemacht". Was auch immer es sei, das "Spaß" macht - ich freue mich natürlich über ein solches Resümee.
Die fertigen Aufnahmen sind oft so ganz nebenbei ein positiver Schub für das Selbstwertgefühl.
Durchweg alle Frauen, die zum Fotografieren kamen, seien es Kundinnen oder Modelle, entwickelten während dieser kreativen Zusammenarbeit eine wunderbare Natürlichkeit. Es sind Frauen, die sich etwas Ursprüngliches bewahrten.
Diese Uberlegungen wären unvollständig, wenn nicht auch der männliche Part noch kurz umrissen würde. Die Frage also, was läuft im Künstler ab, wenn er mit Modellen arbeitet. Hier kann ich nur für
mich sprechen, weil ich nicht weiß, was in einem anderen Individuum bei gleicher Arbeit abläuft.
In ganz wenigen Augenblicken erfasse ich Figur und Typ eines bis dahin unbekannten Modells. Fast
ebenso schnell entwickelt sich in mir eine Art individuelle Strategie, diese Frau beim Fotografieren so zu führen, dass sie sich entspannt, ja einfach gut fühlt. Und ich bin bemüht, ihr das Gefühl zu vermitteln, sich später in den Bildern wieder zu finden, nicht geschönt, "Problemzonen" nicht verleugnend, aber auch nicht negativ sichtbar gemacht.
Wenn das gelingen soll, ist ein stark konzentriertes Arbeiten erforderlich.
Der Arbeitsprozess selbst verläuft in der absoluten Sicherheit, der fotografierende Künstler wird sich ihr weder verbal anzüglich, geschweige denn durch Berührungen in irgend einer Form nähern. Absolute Seriosität in dieser Situation ist für mich nicht nur eine Frage des Rufes, sondern ein selbstverständliches Zeichen meiner Achtung vor der Frau.
Der Künstler tritt bei dieser Arbeit - das allerdings gilt allgemein - in eine Art Zwillingsrolle ein. Einerseits begibt er sich in einen Gestaltungsprozess, der ihn intensiv fordert, zum anderen sieht er das Modell unvermeidlich auch mit männlichen Augen.
Ganz nebenbei bleibt ein wenig Raum dafür, den Anblick der Schönheit des weiblichen Körpers, die Formspiele der Posen, und - beim Lightpainting - den durch das farbige Licht verzauberten Körper zu bewundern.
In einer Hinsicht deckt sich die weibliche Modell-Erfahrung mit meiner eigenen: jedes Shooting ist ein ganz individuelles, besonderes Erlebnis. Das zeigt sich in starkem Maße bei der Form der Fotografie, die ich nach langer Erprobungszeit heute neben der s/w-Fotografie praktiziere und die ich "Lightpainting" nenne.
Nur höchst selten werden "normale" Farbfotos gewünscht. Neben der s/w-Fotografie wird die von mir sehr ausgefeilte Lightpainting-Aufnahmetechnik bevorzugt. Schon wenn dabei das erste Farbspiel - wie ein Kleid aus Licht - auf die Haut trifft, verfliegt das Gefühl, nackt zu sein.
Mehr als 300 Farbspiel-Varianten stehen inzwischen zur Auswahl, wodurch immer wieder individuelle, z.T unerwartete, faszinierende Lichtwirkungen auf der Haut entstehen.
Ich selbst bevorzuge das s/w-Bild gegenüber dem heute üblichen Farbbild. Von meinem künstlerischen Standpunkt her empfinde ich die zwangsläufige mehr oder weniger starke Verfremdung sowohl bei meinen Light-Paintings, als auch im s/w-Bereich als positiv individualisierendes Element.
Die Situation, mehr als zwei Stunden mit einer Frau intensiv zu arbeiten, mit dem Ziel, sie in dieser Zeit auf bestmöglichste Weise abzubilden und sie dabei sensibel und achtungsvoll zu behandeln, lässt in mir einen schwer zu beschreibenden mentalen Zustand entstehen. Es ist eine Art höchst positiver Spannung, eine Faszination, die meine gestalterische Kreativität auf einmalige Weise aktiviert.
Lohn für meinen Arbeitsanteil ist am Ende weniger das Geld, als die Freude, die ich jedes Mal in den Gesichtern der Frauen lesen kann, wenn sie ihre Bilder sichten. Und ein wenig bin ich stolz darauf,
Bilder machen zu können, die ein Stück weiblicher Natürlichkeit und Individualität spiegeln.
Ich freue mich über Frauen, die mit mir als Modell für meine Vorhaben (wechselnde Ausstellungen und die Herausgabe von Bildbänden) zusammenarbeiten wollen und bin meinen Modellen dankbar für alle auf diese Weise erlangten Erfahrungen.
Volkmar Fritzsche
© copyright by Volkmar Fritzsche
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